Geschichte Huchenfeld

VATER VERGIB – diese Worte stehen seit 1992 nun auch an der Außenmauer unserer Kirche in Huchenfeld, im Innern hängt eines der Nagelkreuze, das unsere Gemeinde für immer mit Coventry und der Versöhnungsarbeit, die dort ihren Ausgangspunkt und in Christus ihren Ursprung hat, verbindet. Wie kommt es dazu?

Entstehung der Nagelkreuzgruppe Huchenfeld

John Wynne mit Mitgliedern seiner Crew links: Tom Tate, rechts: James Vinall; Foto: unbekannt
John Wynne mit Mitgliedern seiner Crew
links: Tom Tate, rechts: James Vinall; Foto: unbekannt

Die Entstehung der Nagelkreuzgruppe Huchenfeld geht auf ein Ereignis im Jahr 1945 zurück. Am 17. / 18.3.1945 wurden auf dem Huchenfelder Friedhof bzw. in Dillweißenstein fünf kriegsgefangene englische Fliegeroffiziere allem Kriegsrecht zuwider ermordet. Es sollte als spontane Racheaktion von durch das Bombardement am 23. Februar 1945 betroffenen Bürgern aus Pforzheim erscheinen, wurde aber auf Nazibefehl und angestachelt durch die Hassparolen der Propaganda durchgeführt.

Von dieser Geschichte wussten im Ort viele. Ja, die Jugendlichen, die am 18. März 1945 konfirmiert wurden, mussten z.T. an den Leichen vorbei in die Kirche gebracht werden. Diese Vergangenheit wurde aber verdrängt. 1989 kam die Sache in einer Zeitungsnotiz beiläufig wieder zur Sprache.

Gedenktafel bei der Enthüllung 1992 Foto: unbekannt
Gedenktafel bei der Enthüllung 1992
Foto: unbekannt

Sie wurde zum Auslöser für neuerliche Recherchen und schließlich zur Offenlegung des Mordes an den fünf britischen Luftwaffenangehörigen. Der Kirchengemeinderat Huchenfeld beschloss unter der Leitung von Pfarrer Horst Zorn und in Zusammenarbeit mit Pfr.i.R. Curt-Jürgen Heinemann-Grüder (hier ein Artikel in Wikipedia) und dem Ortsvorsteher Heinrich Bayer, eine Gedenktafel für die Toten zu installieren. Darüberhinaus sollte aber auch versucht werden, Überlebende bzw. Angehörige der Ermordeten ausfindig zu machen. Man wollte stellvertretend sich zur Schuld bekennen, Vergebung erbitten und sich, wenn möglich, in Versöhnung die Hand reichen.

Marjorie Frost und Emilie Bohnenberger Foto: unbekannt
Marjorie Frost und Emilie Bohnenberger
Foto: unbekannt

Das gelang, als am Bußtag, dem 18. November 1992, im Beisein der Witwe eines der Opfer, Mrs. Marjorie Frost-Taylor, eine Gedenktafel an der ev. Kirche in Huchenfeld enthüllt werden konnte. Auf ihr sind außer den Namen der Ermordeten die Worte „Vater vergib“ und „Den Lebenden zur Mahnung“ zu lesen. Der Leiter des internationalen Versöhnungszentrums an der Kathedrale von Coventry, Canon Dr. Paul Östreicher, überreichte an diesem Tag durch die Hand von Mitgliedern der Darmstädter NKG der Kirchengemeinde Huchenfeld ein Nagelkreuz. Damit wurde sie offiziell in die Nagelkreuzgemeinschaft Deutschlands aufgenommen. Das ist Auszeichnung und Verpflichtung zugleich: „Der Herr, dein Gott, hat dir den Fluch in einen Segen gewandelt.“ (V Mose 23, 6).

Tom zu Besuch bei Emilie Foto: unbekannt
Tom zu Besuch bei Emilie
Foto: unbekannt

Die folgenden Jahre waren gekennzeichnet von der Suche und dem Auffinden weiterer Crew-Mitglieder in England, wie z.B. Tom Tate und Norman Bradley, die in der Dunkelheit des 17. März 1945 durch Flucht hatten entkommen können, von anderen Wehrmachtseinheiten wieder gefangen genommen wurden und korrekt behandelt den Krieg überlebten. Einladungen konnten ausgesprochen werden, gegenseitige Besuche wurden durchgeführt, die herzliche Freundschaften im Geist der Versöhnung entstehen ließen.

Tom Tate hatte sich selbst geschworen, nachdem er kurz nach dem Krieg noch einmal zum Prozess nach Essen-Stehle kam, bei dem die Kriegsverbrechen in Huchenfeld Gegenstand waren, dass er „nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen werde“. Doch als er von den Versöhnungsbemühungen in Huchenfeld erfahren hatte, kam auch er nach Huchenfeld und begann sogar mit inzwischen 80 Jahren, die deutsche Sprache zu lernen. Insgesamt 11 Mal kam er nach Huchenfeld, bis er aufgrund seines Alters und den Folgen eines Schlaganfalls nicht mehr reisefähig war. Meist kam er Mitte März, zu dem Zeitpunkt, wenn wir in Versöhnungsgottesdiensten und Ansprachen an der Gedenktafel an die Ereignisse vom März 1945 erinnern. Seine eigenen Grußworte sprach er dann auf Deutsch.
Wenn Sie mehr über Tom Tate erfahren möchten, dann finden Sie eine englischsprachige Website mit seiner Geschichte unter forgivenessproject ( Allerdings auch dort mit dem weit verbreiteten Fehler, die B17 sei bei Pforzheim abgeschossen worden. Richtig ist: Auf dem Rückflug von Leipzig bei Heilbronn – was vielleicht aus dem Blickwinkel von England aus „bei Pforzheim“ liegt ). Als Beispiel für gelungene Versöhnung ist die Geschichte von Tom Tate und unsere Geschichte von Huchenfeld weltweit verbreitet. Dazu verweise ich auch auf das Versöhnungsprojekt in Hawaii.

Ausblick

Das Pferdchen Hope links im Hintergrund: John Wynne, rechts Pfr. i.R. Heinemann-Grüder Foto: unbekannt
Das Pferdchen Hope
links im Hintergrund: John Wynne, rechts Pfr. i.R. Heinemann-Grüder
Foto: unbekannt

Da die Generation der unmittelbar Beteiligten das Rentenalter längst erreicht hat, erhob sich die Frage: Wie soll es weitergehen?
John Wynne, der Pilot der Funkaufklärungs- und Funkstörmaschine, zu dessen Besatzung die Ermordeten gehört hatten, und der selber wie durch ein Wunder überlebt hatte, ergriff die Initiative. Ihm ist es zu verdanken, dass durch ein wertvolles Geschenk in Form eines Schaukelpferdes, dem er den Namen „Hoffnung“ gegeben hatte, im Jahr 1994 der Kontakt zum Huchenfelder Kindergarten hergestellt wurde, und später eine Schulpartnerschaft zwischen der Grundschule in Llanbedr / Wales, seinem Wohnort, und der Grund- und Hauptschule Huchenfeld zustande gekommen ist. Ein 1997 gegründeter Verein „Freundeskreis Wales“ verfolgt diese Aktivität in eigener Verantwortung und in enger Verbindung mit der Nagelkreuzgruppe.
(John Wynne war zum zehnjährigen Geburtstag des Schaukelpferdchens „Hoffnung“ ein zweites Mal zu Gast in Huchenfeld und erlebte das 600-jährige Jubiläum unserer Kirche mit.

Aufgrund der erneuten Berichterstattung in England über BBC 4 und die Tagespresse anlässlich des 10. Jahrestages der Enthüllung der Gedenktafel konnten weitere Angehörige von zwei der Ermordeten ausfindig gemacht werden, zu denen bisher kein Kontakt bestand.
Beide, Richard Vinall und Glen Hall, besuchten uns im Frühsommer 2003.
Besonders Richard Vinall, dessen Vater James nach zunächst gelungener Flucht aus Huchenfeld in Dillweißenstein gefangengenommen wurde und dort auf Befehl des NS-Kreisleiters aus dem Polizeischutz herausgepresst und dann erschlagen worden war, hat der Nagelkreuzarbeit dabei einen neuen Impuls gegeben. Für ihn ist das, was er in Huchenfeld an Versöhnungsarbeit erlebt, ganz im Sinn seines Vaters.

Das Schicksal Pforzheims

Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Pforzheim Foto: j. Heintz
Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Pforzheim
Foto: j. Heintz

Der zweite Schwerpunkt unserer Nagelkreuzarbeit ist – mit den Worten Richard Vinalls gesprochen – die Heilung der Wunden, die auch in Pforzheim noch längst nicht abgeschlossen ist. Die Bombardierung der Stadt am 23. Februar 1945 hat ca 18.000 Menschen das Leben gekostet.
Zwar wurde wiederholt darüber geschrieben und Augenzeugenberichte gesammelt. Dennoch ist damit das Leid der Menschen noch längst nicht abgearbeitet. Die Angst der Bombennacht, der Schock über die Auswirkungen und die Trauer haben tiefe Spuren in den Menschen hinterlassen und wirken bis heute nach.
So ist auch die erste Reaktion der Menschen aus Pforzheim zu verstehen, die sich zunächst gegen unser Bemühen um Versöhnung im Fall der fünf Ermordeten von Huchenfeld richtete, gut zu verstehen. Hier 18.000 Tote, dort 5. Aber Leiden lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen. Zahlen sagen nichts. Hinter jedem getöten Menschen stehen andere, Angehörige, deren Leben mit zerstört wurde, denen ein Loch in die Biographie gerissen wurde. Für Gott ist jeder einzelne Mensch gleich wertvoll.
Darum war eines der Anliegen der Nagelkreuzgruppe fast von Anfang an, die Trauer und das Leid nicht nur der Angehörigen der britischen Luftwaffenmitglieder, sondern auch der Bevölkerung der Stadt Pforzheim in ihr Gedenken mit hineinzunehmen. Versöhnung kann nur da wachsen, wo sich Menschen nicht gegenseitig Schuld vorrechnen, sondern gemeinsam ihre Klage, ihre Trauer vor Gott bringen.
Exemplarisch wird dies deutlich, wenn wir am Gedenktag für die fünf Ermordeten auch Blumen auf dem Grab eines am 23. Februar 1945 getöteten jungen Luftwaffenhelfer niederlegen, das der Gedenktafel gegenüber an der Friedhofsmauer liegt. So schließen wir die Toten vom 23.Februar und die vom 17. März 1945 unter unserem Gebet zusammen.

Versöhnung ist so längst keine Einbahnstraße mehr, nicht nur ein Wunsch nach Vergebung von Huchenfelder Bürgern gegenüber den Angehörigen von in Huchenfeld umgebrachten Briten und deren positive Reaktion. Schon Marjorie Frost-Taylor und John Wynne mit ihrer Teilnahme am Gedenken am 23. Februar machen dies deutlich, wie die vielen anderen symbolischen Gesten, die v.a. John Wynne immer wieder an die Stadt adressiert. Versöhnung hat das Ziel, eine gemeinsame Zukunft zu eröffnen. Richard Vinall sagte bei seinem Empfang im Juli 2003 gegenüber Bürgermeister Hager, dass ihn das Schicksal Pforzheims mit Scham erfülle.

Ein erstes Mal deutlich ausgesprochen wurde dieser Wunsch nach Versöhnung auch mit der Stadt Pforzheim in einem Schreiben, das der damalige Propst der Kathedrale von Coventry, John Petty, im Februar 1998 an den damaligen Oberbürgermeister und die Bürger der Stadt Pforzheim gesandt hat.

Dort schreibt er folgendes:
„Siebenmal sprechen wir die Worte „Vater, vergib !“, obwohl unser Herr am Kreuz sagte: „Vater vergib i h n e n, denn sie wissen nicht, was sie tun“; wir erkennen, dass auch wir viel zu bereuen haben, wenn wir uns an die Bombardierung von Dresden und Pforzheim und von vielen anderen Städten in Deutschland erinnern.
Die Litanei wird eingeleitet mit den Paulusworten in seinem Brief an die Römer:
„Alle haben gesündigt und mangeln des Ruhms,
den sie bei Gott haben sollten“

Als Propst habe ich gelernt, dass es vier wichtige Schritte zu beachten gilt:
Reue – Vergebung – Versöhnung – Frieden

So sende ich in Reue diese Botschaft an Sie alle in Pforzheim und bitte darum, dass Sie in Ihrem Herzen die Bereitschaft finden zu vergeben.“

In vielfältiger Weise und bei unterschiedlichen Veranstaltungen hat John Petty seither den Versöhnungsprozess in Huchenfeld als beispielshaft für Versöhnung vorgestellt, zuletzt bei der Konferenz der Europäischen Kirchen in Trondheim / Norwegen im Sommer 2003.
Diese Konferenz wurde vom König Norwegens eröffnet und vom Erzbischof von Canterbury beschlossen. John Petty machte im Dom von Trondheim die Pforzheim-Huchenfeld Geschichte zum Gegenstand seines Vortrags unter der Überschrift ‚Healing, ´from the Individual to the International‘.

So ist es uns eine besondere Ehre, dass John Petty in diesen Tagen (Januar 2004) die offizielle Einladung der Stadt Pforzheim erhält, am 23. Februar Gast der Stadt Pforzheim zu sein und als Hauptredner der Kirchen bei der Gedenkveranstaltung auf dem Hauptfriedhof zu sprechen. Dies ist nun sozusagen der lange erwartete Schritt auf Coventry zu, um die seit langem ausgestreckte Hand zur Versöhnung zu ergreifen.

Die Begegnung im Februar hat noch einen weiteren Aspekt. Zur gleichen Zeit ist eine Delegation unserer Partnerstadt Guernica in Pforzheim. Guernica seinerseits hat eine Partnerschaft mit Coventry. So kann möglicherweise bei dieser Begegnung aus den beiden bilateralen Verbindungen die Grundlage für eine gemeinsame Dreier-Partnerschaft geknüpft werden. Drei Städte verbunden in ihrem Schicksal der Bombardierung, drei Städte, die sich über die ehemaligen Feindlinien hinweg die Hände reichen …. Ob dies gelingt, wird die Zukunft zeigen.

Über diese unmittelbar mit Huchenfeld und Pforzheim verbundenen Ziele unserer Arbeit hinaus gibt es den größeren Zusammenhang der Versöhnungsarbeit weltweit – eine Versöhnungsarbeit aus dem Geist Christi, um Zonen des Friedens zu schaffen in einer Welt blutigen Hasses unter verfeindeten Völkern, wie z.B. noch am Ende des 20. Jahrhunderts auf dem Balkan, in Nordirland und an anderen Stellen Europas. Regelmäßige Kontakte zur „Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e.V.“ helfen durch Informationen und Impulse diese Arbeit geduldig und mit langem Atem fortzuführen.

Interessiert an der Versöhnungsarbeit?

Wenn auch Sie interessiert sind, mit uns an der Versöhnung zwischen den Völkern Europas zu arbeiten, beispielhaft an der zwischen Pforzheim und Coventry, können Sie gerne mit uns Kontakt aufnehmen: Petra Alexy (petraalexy@gmx.de)